Autor: Tobias Dohr (Osterholzer Kreisblatt)
Es war eine Achterbahnfahrt, wie es sie sehr selten gegeben hat. Der SV Blau-Weiß Bornreihe überwinterte auf einem Abstiegsplatz und gewann dann den inoffiziellen Titel des Rückrundenmeisters.
Der SV Blau-Weiß Bornreihe hat in seiner ruhmreichen Klubhistorie schon so einiges erlebt. Triumphale Meisterschaften und Aufstiege wurden gefeiert, auch ein paar bittere Abstiege stehen in den Geschichtsbüchern der “Moorteufel”. Einen Abstieg plus Meisterschaft in nur einer einzigen Saison hat es auch im Teufelsmoor noch nicht gegeben. Was eigentlich ja auch gar nicht geht, fühlte sich in den vergangenen zwölf Monaten bei allen Bornreiher Beteiligten dennoch genau so an.

“Es waren Tiefen bis zum geht nicht mehr dabei und eine unfassbare starke Rückrunde”, blickt Nils Gresens auf die wohl zwölf emotionalsten Monate seiner bisherigen Bornreiher Zeit zurück. Der Mannschaftsführer der Blau-Weißen hat schon einiges miterlebt, doch die Spielzeit 2017/2018 in der Fußball-Landesliga Lüneburg gibt dem langjährigen Kapitän auch nach Saisonende noch Rätsel auf. Und nicht nur ihm: “Ich kann mir das nicht erklären, wie so etwas passieren konnte”, sagt Steffen Dietrich, neben Gresens einer der dienstältesten im Kader der “Moorteufel”.

August 2017

Die Bornreiher Achterbahnfahrt beginnt mit viel Hoffnung – aber auch einer Menge Portion Demut. Nach einem komplett frustrierenden Jahr in der Oberliga Niedersachsen will das Trainerduo Andre Lütjen und Bernd Böschen endlich und endgültig auf hoffnungsvolle Talente aus dem Landkreis setzen. Zwar kommt mit Patrick Müller auch ein echter Hochkaräter ins Teufelsmoor, dafür zieht Artur Degtjarenko kurz vor Ablauf der Wechselfrist seine Zusage zurück und geht zum Bremer SV.

Das bringt ebenso Unruhe ins Team wie die überaus holprige Vorbereitungsphase. Gleich zweimal verliert der Landesligist gegen den FC Hambergen, es folgt das Pokal-Aus beim SV Lilienthal-Falkenberg. Das Schlimmste: Alle Niederlagen gehen absolut in Ordnung. Von Beginn an haben Lütjen und Böschen mit großen Personalsorgen zu kämpfen, können im Training praktisch nie mit voller Besetzung üben. Nach dem 2:5 im Auftaktspiel gegen den FC Hagen/Uthlede folgen zwar zwei Siege gegen den TSV Etelsen (1:0) und Eintracht Lüneburg (5:3), doch dann nimmt das Unheil seinen Lauf.

November 2017

Nach sechs sieglosen Spielen am Stück, darunter gleich vier Niederlagen, rutschen die stolzen “Moorteufel” immer weiter ab in der Tabelle. Eine spielerische Linie ist kaum noch zu erkennen, nach zwei weiteren Pleiten gegen Rotenburg (0:1) und Uelzen (1:2) ist nicht nur die Stimmung am Tiefpunkt angekommen. Was lange Zeit nicht vorstellbar war, ist Realität: Die Bornreiher überwintern tatsächlich auf einem Abstiegsplatz und müssen erstmals seit vielen Jahren um ihre Existenz auf Landesebene bangen.

Januar 2018

Der Rücktritt des Duos Lütjen/Böschen Anfang Dezember sorgt noch einmal für mächtig Diskussionsstoff. Am Morgen macht die Nachricht vom Rückzug die Runde, schon am Abend steht fest, wer der Nachfolger wird. Sasa Pinter nimmt am 1. Januar seine Arbeit im Teufelsmoor auf. Und der Neue schafft, was kaum jemand für möglich gehalten hatte: Er impft dem völlig verunsicherten Team neues Selbstbewusstsein ein und vor allem: Er schafft es, die Trainingsbeteiligung in Rekordzeit auf ein Rekordniveau zurückzubringen.

Etwas anderes wird durchaus für möglich gehalten. Oder besser gesagt, es wird sogar vom neuen Coach erwartet: Pinter kann mit Andre Waldau, Miguel Mendoza, Jeremy da Rocha Nunes, Christopher Stolz, Anil Morkan und einem gewissen Artur Degtjarenko gleich sechs Akteure von einem Wechsel nach Bornreihe überzeugen.

März 2018

Nach einer schier endlos langen Winterpause starten die “Moorteufel” am 21. März mit einem 2:0 über Harsefeld die große Aufholjagd. Und die nimmt so schnell und rasant an Fahrt auf, dass sich alle Beteiligten verwundert die Augen reiben: Denn vor allem auch die Spieler, die in der Hinrunde noch so maßlos enttäuscht hatten, laufen nun plötzlich wieder zu Bestform auf. Erst nach acht Spielen ohne Niederlage muss sich Pinter mit seinem Team erstmals geschlagen geben (0:2 gegen Treubund Lüneburg).

Mai 2018

Nach weiteren fünf Siegen in Folge steht schon weit vor Ende der Spielzeit fest: Dieser SV Bornreihe hat nichts mit dem Abstieg zu tun. Am Ende reicht es sogar noch zu Rang drei in der Abschlusstabelle. Mehr noch: Die Blau-Weißen sind mit 35 Punkten das beste Team der Rückrunde – besser noch als Meister Hagen/Uthlede. Aus der schlechtesten Offensive der Liga ist in Rekordzeit die zweitbeste geworden. Die Erleichterung im Klub ist riesengroß, ebenso die Freude auf die neue Spielzeit. Doch am Ende bleibt die große Frage: Wie konnte das passieren?

“Die Qualität war auf jeden Fall auch in der Hinrunde schon da”, sagt Steffen Dietrich und fügt hinzu: “Jeder hat seinen Anteil gehabt an dieser Negativserie. Spieler und Verantwortliche, jeder im Klub.” Und Nils Gresens fügt hinzu: “Bernd Böschen und Andre Lütjen haben weiß Gott nicht alles falsch gemacht:” Aber irgendwann sei eben der Punkt gekommen, an dem es nicht mehr weiter ging. “Ich hatte mich schon in den Herbstferien ernsthaft mit dem Thema Abstiegskampf auseinandergesetzt”, gibt Gresens zu. Die Entwicklung des Teams habe gar keine andere Wahl gelassen. Ob diese Entwicklung nicht schon im Sommer absehbar gewesen wäre? “Nein, es gab gute Gründe für den Verein, mit Andre und Bernd weiterzumachen”, sagt Dietrich. Und eine solche Negativentwicklung habe sich schließlich niemand vorstellen können.

Nun ist die Hinrunde abgehakt. Sasa Pinter hat die “Moorteufel” wieder wach geküsst. Nicht nur die Mannschaft, auch das Umfeld. Die Zuschauerzahlen waren zuletzt wieder deutlich steigend. Und die Rückrunde macht Lust auf mehr: “Unser Ansporn ist es, das zu wiederholen”, gibt Nils Gresens das Ziel vor. “Wir wollen noch dominanter werden und auch die Spitzenspiele für uns entscheiden”, ergänzt Steffen Dietrich. Sollte das gelingen, dürfte für den Ex-Hagener vielleicht noch ein ganz anderer Traum wahr werden: Ein Oberliga-Duell gegen seine früheren Teamkollegen. “Ich würde mich für Hagen unheimlich freuen, wenn sie den Klassenerhalt schaffen würden. Und für uns würde es mich total freuen, wenn wir noch einmal diesen Schritt schaffen sollten.”

Ganz klar: Die Welt ist wieder in Ordnung im Teufelsmoor. Denn wer hätte kurz vor Weihnachten gedacht, dass in Bornreihe nur fünf Monate später sogar Gedanken an die Oberliga wieder erlaubt sind. Und was noch wichtiger ist: Sie scheinen gar nicht mal so unrealistisch zu sein.

Die Einsatzbilanz unserer Moorteufel

Daniel Griesbach (28 Einsätze/0 Tore)

Steffen Dietrich (28/0)

Hendrik Lütjen (28/5)

Patrick Müller (25/21)

Philip Bähr (25/10)

Kevin Sammann (24/2)

Christian Leopold (23/2)

Nils Gresens (21/0)

Miguel Medoza (18/0)

Jeremy da Rocha Nunes (17/3)

Artur Degtjarenko (16/5)

Alexander Huhn (16/1)

Andre Waldau (15/1)

Dennis Klindworth (15/0)

Anil Morkan (12/4)

Michel Waldow (11/0)

Christopher Stolz (9/0)

Torben Poppe (8/4)

Abel Tsigab (7/0)

Teo Nekic (2/0)

Marvin Witte (1/0)

Jan Wendt (1/0)

Auch in Überzahl nicht gepunktet

Autor: Wümme Zeitung – 19. November 2018 (e-Paper); Bornreihe unterliegt Harsefeld 1:2 Beim SV Blau-Weiß Bornreihe hat in der Fußball-Landesliga Lüneburg erneut das Murmeltier gegrüßt. „Schon wieder haben wir es nicht geschafft, trotz drückender Überlegenheit in...