“Spiel meines Lebens”: Nils Kühtmann

SV Blau-Weiß Bornreihe

14. Dezember 2020
Autor: Timo Flathmann

„Spiel meines Lebens“: Wie Nils Kühtmann im Jahr 2000 Eintracht Braunschweig II zur Verzweiflung treibt

An jenem Sonntag im September 2000 deutete nicht allzu viel darauf hin, dass es für den jungen Nils Kühtmann das Spiel seines Lebens werden sollte. Der SV Blau-Weiß Bornreihe hatte nach drei Spieltagen in der Niedersachsenliga-Ost zwar schon drei Punkte, musste aber auch schon zwei 1:4-Niederlagen einstecken. Und nun ging es zum haushohen Favoriten Eintracht Braunschweig II. Außerdem hatte der damals 21-jährige Kühtmann keinen Stammplatz: Der erfahrene Thomas Marks war Stammkeeper der „Moorteufel“, sodass Kühtmann nur die Rolle des Ersatzkeepers blieb. Die damalige Rollenverteilung sei aber „berechtigt“ gewesen, denn „Thomas war wirklich gut und erfahren“, so Kühtmann. „Thomas hatte sich aber nicht so gut auf das Spiel vorbereitet, ich glaube, da war am Vorabend eine Hochzeit oder so. Und Torsten Schanz, unser damaliger Trainer, hat das mitbekommen, und mir nach dem Aussteigen in Braunschweig gesagt, dass ich spielen werde.“

Die Bornreiher kämpften, bissen, verteidigten konsequent – und konterten. Hartmut Hinck brachte den Underdog in der ersten Hälfte nach einer Balleroberung von Andy Helck tatsächlich mit 1:0 in Führung. Nach der Halbzeit stellte Gregor Schoepe sogar auf 2:0, und die „Löwen“ bissen sich an Kühtmann regelrecht die Zähne aus. „Ich weiß nicht genau, wie viele Chancen Braunschweig hatte, oder wie viele Bälle ich gehalten habe, aber sie haben bestimmt 20 Mal aufs Tor geschossen“, erinnert sich Kühtmann, der berichtet, dass sich bei der Regionalliga-Reserve des BTSV mit fortlaufender Spieldauer immer mehr Verzweiflung breitmachte.

Das Gefühl, dass an diesem Tage aber nichts mehr anbrennen würde, hatte Kühtmann nicht: „Ehrlich gesagt, hatte ich gar keine Zeit zum Nachdenken, ich war so unter Dauerbeschuss“, erzählt er schmunzelnd. So war es keine Schande, dass Kühtmann nicht die Null halten konnte und der BTSV den 1:2-Anschlusstreffer erzielte. Doch Schoepe gelang auf Vorlage von Marcel Konoppa kurz vor Schluss sogar noch das dritte Tor. Der späte Braunschweiger Treffer zum 2:3? Geschenkt! Kurz danach ertönte der umjubelte Schlusspfiff.

Nach diesem war die Bornreiher Entourage natürlich völlig aus dem Häuschen. „Jan Flathmann (damaliger Vorsitzender, Anm. d. Red.) fiel mir direkt um den Hals. Wir konnten das alle gar nicht glauben“, so Kühtmann, der später einen recht ungewöhnlichen Anruf erhielt: „Das war gerade die Zeit, als das mit den Handys losging“, eröffnet Kühtmann die Anekdote. Er habe sein erstes Handy erst seit kurzer Zeit gehabt, und eigentlich hatte er noch keinem seine Nummer gegeben, als sein Mobiltelefon klingelte. „Meine Mutter rief an und gratulierte mir zum Sieg und zu der Leistung. Ich fragte sie natürlich sofort, woher sie das denn wisse. Helmut Kück, mein damaliger Chef, hatte schon bei meiner Mutter angerufen, und gesagt, dass ich den nächsten Tag Urlaub habe. Ich glaube, ich war auch erst am nächsten Mittag zu Hause“, berichtet Kühtmann lachend. Der Sieg wurde zunächst in der Kabine und anschließend auf der stundenlangen Rückfahrt im Bus begossen. Es war, so munkelt man, eine jener  legendären Bornreiher Rückfahrten.

„Es war dieses Spiel im Leben, was man als Torwart wirklich nur einmal hat“, ordnet Kühtmann seine Leistung von vor 20 Jahren ein: „So, als würde ein Stürmer in einem Spiel sechs, sieben oder acht Tore schießen.“ Ihm seien zwar bei der Frage nach dem „Spiel des Lebens“ direkt vier, fünf unvergessliche Matches eingefallen, zum Beispiel sein Debüt gegen die FT Braunschweig inklusive gehaltenem Elfmeter oder der Sieg im Presse-Cup gegen Rehden, aber an dieses beim BTSV kommt eben keines heran.

Angesprochen auf die damalige Bornreiher Mannschaft holt Kühtmann weit aus: „Es wird ja oft einfach nur gesagt, aber bei uns war es zutreffend: Wir waren wirklich ein eingeschworener Haufen. Wir sind zum Großteil auch alle noch gute Kumpels. Bernd Böschen, Andre Lütjen, Marcel Konoppa, Andy Helck, Torsten Plewa und so weiter, da fehlen noch einige“, so Kühtmann. Die Mannschaft habe zwar nicht die Qualität der anderen Teams in der Liga gehabt, mit Schoepe und Verteidiger Heiko Monsees aber über zwei „herausragende Kicker“ im Kader verfügt. „Wir waren ehrgeizig und bissig, und haben die Spiele meistens über den Kampf gewonnen. Das hat zusammengeschweißt. Und wir haben damals auch alles zusammen gemacht, waren mit der Mannschaft bei den Erntefesten und anderen Partys. Und da waren dann auch unsere Partnerinnen dabei“, berichtet Kühtmann. Und auch heute noch flattern die Einladungen der ehemaligen Mannschaftskollegen zu Geburtstagen und Hochzeiten ins Haus.

„Das war eine geile Zeit, und das nehme ich für mein ganzes Leben mit“, ordnet Kühtmann seine Jahre bei den Blau-Weißen ein, auch wenn der heutige Torwarttrainer der Bornreiher nicht immer gespielt hat. Da waren Thomas Marks, aber auch Florian Naujoks sowie Florian Leschnik, mit denen sich Kühtmann um den Platz zwischen den Pfosten duellierte. „Florian Leschnik hat mich immer wieder beeindruckt. Der war unter anderem im Eins-gegen-Eins so gut. Da konnte ich machen, was ich wollte, da kam ich einfach nicht ran, obwohl ich es immer wieder versucht habe. Und das hat einen dann natürlich auch gewurmt“, so Kühtmann, der letztlich, um dauerhaft zu spielen, zum FC Worpswede wechselte, und dort noch jeweils zwei Auf- und Abstiege zwischen Bezirksliga und Bezirksoberliga bejubeln konnte beziehungsweise betrauern musste. Und auch für den SV Hüttenbusch lief Kühtmann noch in der Kreisliga Osterholz auf – doch das Spiel des Lebens machte Kühtmann als junger „Moorteufel“.