Eine 1:16-Pleite als perfekter Abschluss

SV Blau-Weiß Bornreihe

24. November 2020
Autor: Jan-Henrik Gantzkow; Foto: Wümme Zeitung

„Das Spiel meines Lebens“: Torsten Welk erinnert sich an seinen letzten Auftritt für den SV Blau-Weiß Bornreihe

Dass der SV Blau-Weiß Bornreihe völlig zu Recht als echter Kultverein bezeichnet wird, hängt natürlich auch mit den sportlichen Erfolgen des Dorfclubs zusammen. Schließlich mischen die „Moorteufel“ seit über zwei Jahrzehnten mindestens auf Landesebene mit und haben dabei immer wieder die Großen geärgert. Vor allem sind es aber die Menschen, die den Verein auszeichnen: Die gleichermaßen große wie emotionale Anhängerschaft, die stillen Helden im Hintergrund und natürlich die außergewöhnlichen Spieler auf dem Platz. Zur letzteren Kategorie zählt ohne jeden Zweifel auch Torsten Welk, der insgesamt zehn Jahre im Teufelsmoor verbrachte – und als Torjäger vom Dienst dabei zum absoluten Publikumsliebling avancierte.

Das spürt der mittlerweile 51-jährige auch heute noch: „Ich schaffe es zwar nicht mehr so häufig zum Platz, aber wenn ich mal da bin, werde ich immer noch von vielen Fans angesprochen. Das freut mich natürlich und zeigt die besondere Verbundenheit“, so Welk.

Diese Zuneigung beruht aber auch auf Gegenseitigkeit, schon bei seinem ersten Gastspiel verlor der Stubbener sein Herz an die Blau-Weißen. „1992 bin ich auf einem Turnier in Steden angesprochen worden und schließlich das erste Mal nach Bornreihe gewechselt. Da hatte ich dann drei tolle Jahre und habe den Verein sofort ins Herz geschlossen“, erinnert sich der Vollblutstürmer. Um nochmals höherklassig anzugreifen, wechselte er zwar nach Bremerhaven, Bornreihe und die dortigen Rahmenbedingungen vergaß Welk allerdings nie. Trotz einer erfolgreichen Zeit beim OSC zog es ihn so 1998 zurück zu seinem Herzensverein. „Auch in Bremerhaven hat es Spaß gemacht, aber da fehlte vor 150 Zuschauern einfach die Atmosphäre. Mehr Stimmung als in Bornreihe geht wohl kaum, daher ging es nach Gesprächen mit Uwe Böttjer wieder zum SVB“, erinnert sich Welk.

Und diese Entscheidung sollte er nicht bereuen. In den folgenden Jahren marschierte das verschworene Team bis in die Niedersachsenliga, lieferte sich dort unvergessliche Duelle und sorgte für große Begeisterung bei den glühenden Fans – zu denen übrigens auch Welks Schwiegervater Roland Reichenberg bis heute zählt. „Marko Rebien, Jan Meyerdierks, Gregor Schoepe und wie sie alle hießen. Wir hatten wirklich eine super Truppe, die alles für Bornreihe gegeben hat. Auf und neben dem Platz haben wir fest zusammengehalten“, erklärt der Angreifer. „Wicki“, wie der nur 1,73 Meter große Welk von Mitspielern und Publikum gerufen wurde, hatte an dieser Erfolgsstory mit unzähligen Treffern einen großen Anteil.

Und so hätte er bei der Wahl seines persönlichen „Spiel des Lebens“ aus unzähligen Partien wählen können, in denen er durch wichtige Tore zum absoluten Matchwinner wurde. Dass er sich trotzdem für eine 1:16-Niederlage gegen den SV Werder Bremen entschied, macht bei genauerem Hinsehen dennoch Sinn.

Schließlich war das Aufeinandertreffen mit dem SVW im Juli 2005 Welks letztes Spiel im Bornreiher Trikot – und ein echtes Schmankerl zum Abschied. „Welcher Amateurfußballer kann schon sagen, dass er seine Karriere vor mehreren tausend Zuschauern gegen seinen Lieblings-Profiverein beendet hat. Das war der perfekte Abschluss“, stellt ein strahlender „Wicki“ fest.

Dabei hätte Welk, damals 35, normalerweise gar nicht mehr im Kader gestanden. Im Lauf der Vorsaison wurde der Routinier immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen, während der Spielzeit reifte so die Entscheidung aufzuhören. „Das war natürlich sehr schwierig. Nach unserem letzten Saisonspiel tat es schon weh, und ich saß wehmütig im Bus“, rekapituliert Welk. Doch weil er beim Gewinn des Pressecups noch tatkräftig mitgeholfen hatte, und die Bremer nur deshalb im zweiten Jahr in Folge ins Teufelsmoor reisten, versprach ihm der damalige Trainer Carsten Huning einen würdigen Abschied gegen den SV Werder – damals noch ein echtes Spitzenteam und gerade erst Tabellendritter geworden. „Dafür war ich natürlich dankbar. Obwohl ich eigentlich nie Bock auf die Vorbereitung hatte, habe ich mir dann auch noch mal in einigen Einheiten ein wenig Fitness geholt“, so Welk.

Dann war der große Tag gekommen, und 3500 Zuschauer verwandelten den Sportplatz bei Postels nochmals in einen echten Hexenkessel. Und in der Anfangsphase hielt der Underdog auch durchaus tapfer mit, Werders Stars wie Johan Micoud, Ivan Klasnic oder der heutige Sportdirektor Frank Baumann ließen die Hausherren zunächst einmal gewähren. Selbst als der Favorit mit 2:0 in Führung ging, blieben die Köpfe der „Moorteufel“ oben. Nach 20 Minuten sorgte Christian Hasloop mit dem zwischenzeitlichen Anschlusstreffer für das Highlight des Tages. In der Folgezeit drehte der Champions-League-Teilnehmer jedoch mächtig auf, Torsten Welk staunt noch 15 Jahre später über die Qualitäten der Profis.

„Zurückblickend fällt mir als erstes ein, wie groß die alle waren. Frank Fahrenhorst bin ich gerade einmal bis zur Brust gegangen. Auch deren Technik und Athletik war außergewöhnlich. Sie waren immer einen Tick schneller und wussten schon bevor sie am Ball waren, was sie als nächstes machen. Das war schon beeindruckend“, lobt Welk. Bis zum Seitenwechsel gelang ihm persönlich so auch keine nennenswerte Aktion, zur Pause endete seine Laufbahn in der ersten Herren des SV Blau-Weiß Bornreihe endgültig. Werder störte dies wenig, vielmehr erzielten die Hansestädter angeführt vom Fünffachtorschützen Nelson Valdez einen Treffer nach dem anderen, am Ende stand es aus Bornreiher Sicht 1:16.

Es war also kein spannendes Meisterschaftsspiel oder eine individuelle Glanzleistung, die Torsten Welk zum Spiel seines Lebens auswählte, sondern letztlich ein erwartbarer Pflichtsieg einer Profimannschaft gegen tapfere Amateure. Auch gab es danach keinen großen Abschied für den Torjäger – dennoch wählte Welk ausgerechnet diese Partie. Und zeigt genau damit eindrucksvoll, warum er damals und heute von Bornreiher Fans verehrt wird: wegen seines Charakters. Denn neben seiner Abschlussstärke, seiner Antizipation und seiner erstaunlichen Kopfballstärke überzeugte er vor allem auch neben dem Platz: durch Bodenständigkeit und ein sympathisches Auftreten. „Bei dem Spiel ging es nicht um mich, sondern um Bornreihe. Das Gesamtbild zählte, und das war perfekt“, sagt der bescheidene Welk.

Die Partie gegen Werder kann so stellvertretend für die vielen Jahre gesehen werden, in denen Torsten Welk und Bornreihe für Furore sorgten – und kräftig am Kultstatus arbeiteten. Nicht nur während der 90 Minuten: „Man kann für die ganze Zeit nur dankbar sein. Ich erinnere mich gerne an die unglaubliche Unterstützung, die Empfänge und die gemeinsamen Feiern mit den Fans. Wir haben vielleicht nicht jedes Spiel gewonnen, im Bus haben wir sie aber alle noch umgebogen“, versichert Welk lachend. Auch solche Anekdoten machen einen Kultverein zu einem Kultverein – dank Spielern wie Torsten Welk.