Autor & Foto: Werner Maaß (Osterholzer Kreisblatt)

Auf Sasa Pinter wartet eine Herkulesaufgabe. Der neue Trainer des SV Blau-Weiß Bornreihe soll das Schiff wieder flott machen. Wie, das schildert Pinter im Interview.

Herr Pinter, die Trennung vom Bremer SV unter chaotischen Umständen ist gerade einmal zwei Monate her. Sitzt der Stachel noch sehr tief?

Sasa Pinter: Natürlich verbleiben Erinnerungen. Aber die Aktualität hat mich eingeholt. Das geht sehr schnell im Fußball, so beschäftigt mich das nicht mehr so sehr. Wenn man aber noch einmal zurückdenkt, dann hat man sicherlich nicht die schönsten Gedanken daran, wie die ganze Angelegenheit abgelaufen ist.

Dann kam Ihnen der sehr kurzfristige Einstieg in Bornreihe sicherlich sehr gelegen.

Wahrscheinlich ja, dann quält man sich nicht mehr so mit den Erinnerungen. Aber ich wollte sowieso etwas anderes machen, unabhängig davon, wie es beim BSV gelaufen wäre. Ich hätte auch meinen Vertrag dort aussitzen können, dann hätte ich das Geld auf der Couch verdient. Ich mache das jetzt in Bornreihe wirklich gerne.

Nach dem ganzen Chaos beim BSV sind Sie zu einem Verein gewechselt, bei dem es ebenfalls alles andere als rund lief und der im Keller steckt. Ein Wechsel vermutlich mit sehr gemischten Gefühlen.

Nein, gar nicht. Natürlich habe ich mich mit der Situation auseinandergesetzt. Ich habe mir das alles angesehen und die Gespräche mit den Verantwortlichen geführt. Das zeigt ja auch, dass ich keine Angst davor habe, irgendetwas anzupacken, um den festgefahrenen Karren rauszuholen. Es ist im Grunde genommen egal, was für eine Mannschaft man übernimmt, egal, ob sie oben oder unten steht. Man muss vor allem den nötigen Respekt haben. Jeder Klub hat seine Vereinsphilosophie, seine Hierarchien und die handelnden Personen. Da muss man sich einfinden können und wollen. Das ist für mich das Wichtigste. Ich mache mir da keine Sorgen. Meine Vita hat gezeigt, dass ich länger bei einem Verein arbeiten kann. Das Thema BSV einmal ausgeklammert. Ich bin ansonsten nie unter kuriosen Umständen weggejagt worden, ich bin immer aus freien Stücken gegangen.

Das Kapitel Bremer SV sei hiermit zugeschlagen. Blicken wir nach vorne. Sind Sie schon ein echter „Moorteufel“?

Ich glaube, das kann ich noch nicht von mir behaupten. Da gibt es einige andere, die deutlich mehr Stallgeruch haben als ich, von daher will ich mich noch nicht als echten „Moorteufel“ bezeichnen. Ich denke, das dauert noch einige Zeit. Und diese Zeit muss man mir geben.

Was hat man Ihnen erzählt, welche Eigenschaften hat ein echter „Moorteufel“? Wofür steht der SV Blau-Weiß Bornreihe?

Da brauchte mir keiner groß etwas zu erzählen. Ich habe den Verein selber die letzten 15, 20 Jahre verfolgt. Man hatte immer wieder viel Gutes gehört, von einem verschworenen Haufen. Dass man immer über mehrere Jahre gerne mit den Leuten gearbeitet hat. Dass die Mannschaft immer heimstark war. Und das zeugt natürlich vom Zusammenhalt. Und dass es ein kleines Dorf ist, aus dem man sicherlich nicht die ganzen Spieler zusammenholt. Aber wer dort einmal angekommen ist, den hat es nicht so schnell wieder irgendwo anders hin verschlagen. Das zeugt von Vereinstreue und vielen guten Tugenden.

Ein kleines Moordorf mit wie vielen Einwohnern?

Rund 150.

Sie sind gut informiert. Ihre vierte Dienstwoche beim SV Blau-Weiß Bornreihe läuft. Die ersten drei Testspiele sind absolviert. Wie fällt ein erstes Zwischenfazit aus?

Ich habe eine Art Aufbruchstimmung bei den Jungs gemerkt. Jeder möchte sich von seiner besten Seite zeigen, aber das ist natürlich ganz normal. Ich habe viele sehr engagierte Jungs kennengelernt, die interessiert daran sind, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Alle haben ein großes Interesse daran, mitzumachen und mitzuhelfen. Natürlich merkt man nach ein paar Wochen, warum man da unten drinsteckt. Hier und da fehlt der Mut und das Selbstbewusstsein, was wenig überraschend ist, wenn man eineinhalb Jahre nicht so erfolgreich war. Das nagt natürlich an der Psyche. Um da wieder herauszukommen, muss man viel Überzeugungsarbeit leisten, da braucht man Erfolgserlebnisse. Die erhoffen wir uns, denn nichts ersetzt Siege.

Demzufolge ist jetzt mehr der Psychologe Pinter gefragt als der Technik- und Taktikfachmann Pinter.

Es sind einfach alle gefragt, auch die Fähigkeiten der Jungs. So kann es zum Beispiel erfrischend sein, nicht mehr so abwartend zu agieren und stattdessen das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Ein Psychologe ist aber genauso auch nach siegreichen Wochen gefragt, weil er es schaffen muss, die Motivation hochzuhalten. Ich bin unvorbelastet, das ist mein Plus. Und ich bin immer ein Typ gewesen, der sehr viel mit den Spielern gesprochen hat.

Jetzt wartet auf Sie eine sehr anspruchsvolle Aufgabe: Sie übernehmen einen mental stark angeschlagenen Kader, bekommen sieben starke Neuzugänge hinzu und sollen daraus eine homogene Einheit formen. Wie geht das?

Es darf natürlich nicht die Regel sein, dass man im Winter eine solche Kehrtwende vollzieht, mit so vielen neuen Spielern. Das ist eigentlich nicht gesund. Der Verein und ich haben das aber nach der Analyse der Hinrunde als alternativlos betrachtet. Wir sind froh, dass wir alle Spieler halten konnten, die wir auch halten wollten. Mit Ausnahme von Dustin Hirsch, aber wir haben in diesem Fall mit Miguel Mendoza einen guten Tausch vorgenommen, mit dem wir nicht schlechter dastehen als vorher. Der Kader ist nun deutlich besser aufgestellt. Wie sich das zusammenfindet, das ist auch abhängig von den Spielern, wie gut sie miteinander harmonieren, sowohl neben als auch auf dem Platz. Hier ist auch kein Psychologe gefragt, die Spieler müssen einfach daran interessiert sein, den anderen kennenzulernen, sich zu helfen, zu unterstützen. Ein solch drastischer Schritt ist sicherlich nicht gesund, aber er war wie gesagt alternativlos, um den internen Konkurrenzkampf zu schüren und nicht acht oder neun gesetzte Spieler zu haben. Jeder muss wissen, dass er in der Woche Gas geben muss, um am Wochenende zu spielen.

War eine solche Runderneuerung des Kaders Voraussetzung für Ihre Zusage beim SV Blau-Weiß Bornreihe?

Wenn man keinen internen Konkurrenzkampf hat, dann kann man kaum gewinnen. Wir haben jetzt 22 Mann. Und das war ein ganz wichtiger Faktor, dass man Handlungsspielraum hat. Denn der Kader zuvor hatte von der Struktur und Zusammensetzung her deutlich gezeigt, dass er so nicht konkurrenzfähig war in der Landesliga. Wir erhoffen uns einfach durch diese Auffrischung, einen ganz anderen Spirit reinzubekommen. Eine andere Dynamik, einfach anders zu sein. Wir hoffen jetzt, dass die Mannschaft schnell zueinanderfindet.

Stehen jetzt teambildende Maßnahmen wie Kohlfahrt oder Trainingslager an?

Wir planen noch etwas, aber das ist noch nicht spruchreif. Wir haben uns zunächst einmal auf das Training konzentriert. Wenn man mal eine Kohlwanderung macht, dann sind noch lange nicht alle die dicksten Freunde. Der Verein ist aber dafür bekannt, dass er neben den Spielen und Training auch noch viel anderes anbietet. Wir versuchen, so zusammenzuwachsen. Der Verein strahlt Vertrauen aus. Und es läuft ruhiger als in anderen Vereinen, was in vielen Jahren positiv war. Vielleicht in den letzten Jahren aber nicht so positiv.

Trainer bezeichnen sich oft als Projektierer, die das Team voranbringen und den Blick in absehbarer Zukunft nach oben richten wollen. Oben hieße Oberliga. Bei diesem Wort verdrehen aber viele im Verein die Augen. Wie fühlen Sie sich aufgehoben in einem Klub, der sich offenbar in der Landesliga wohler fühlt? Passt das zusammen?

Oh ja, das passt absolut zusammen. Bornreihe hat sicherlich seine Erfahrungen gemacht. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass man irgendwann wieder oben landen kann, wenn man die Aktualität möglichst schnell in den Griff bekommt. Ich bin selbstbewusst genug zu behaupten, all jenes zu wissen, was man dafür braucht. Ich hatte damals beim OSC Bremerhaven zwei Jahre lang die 1. Herrenmannschaft trainiert. Mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren. Und das waren die erfolgreichsten Jahre des OSC in den letzten 20 Jahren. Ich verfüge über ein sehr gutes Netzwerk, über das man viel generieren kann. Unabhängig davon finde ich es aber vermessen, in der jetzigen Situation über die fernere Zukunft zu reden. Jetzt haben wir Abstiegskampf, das ist die Aktualität.

Werfen wir einen Blick auf einige Neue: Viele denken, dass Teo Nekic allerbeste Chancen hat, die neue Nummer eins im Bornreiher Tor zu werden.

Dazu kann ich noch nichts Genaueres sagen. Wir haben noch eineinhalb Wochen bis zum nächsten Spiel. Auf mich haben beide einen guten Eindruck hinterlassen, auch Daniel Griesbach, da lasse ich noch nicht die Katze aus dem Sack. Das werde ich sicherlich auch in aller Ruhe mit Torwarttrainer Nils Kühtmann besprechen.

Andre Waldau ist mit vielen Vorschusslorbeeren gekommen. Hat er das Zeug zum neuen Bornreiher Abwehrchef?

Das hat er allemal. Nicht nur, dass er ein sehr erfahrener Spieler ist. Er ist auch ein sehr guter Typ. Andre bringt fast schon Bornreiher Ureigenschaften mit, den unbedingten Willen und eine sehr gute Kommunikation auf dem Platz. Das wird uns helfen, er ist schon jetzt ein sehr wichtiger Spieler für uns geworden.

Abschließend ein Blick in die Zukunft: Wo geht die Reise hin für diese neu aufgestellte Mannschaft?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Klasse halten werden. Wichtig ist einfach, dass wir als Team auftreten, dass wir stabil werden. Und dass jeder anfängt, daran zu glauben. Dann werden wir das gemeinsam schaffen. Jene Entschlossenheit zeigt die Mannschaft auch in den Einheiten. Viele haben uns schon attestiert, dass wir eine andere Gangart haben. Jetzt geht es um den Feinschliff. Und darum, das Niveau zu konservieren. Aber wir dürfen auch nicht blind sein, wir müssen viel dafür tun. Niemand darf glauben, ein neuer Trainer und sieben neue Spieler, jetzt geht alles von alleine. Jetzt müssen wir die Basics reinbekommen: Ordnung, Zweikampfverhalten, Laufbereitschaft, Aggressivität, Aktivität – dann sehe ich optimistisch in die Zukunft.

Das Interview führte Werner Maaß.