Einmal Moorteufel, immer Moorteufel

SV Blau-Weiß Bornreihe

15. April 2021
Autor: Tobias Dohr; Foto: Wümme Zeitung

Was ist das nur mit diesem SV Blau-Weiß Bornreihe? Wieso ist da ein kleiner Dorfverein, der seit vielen Jahrzehnten jenen ganz besonderen Ruf, jenes ganz spezielle Image hat? Kultklub nennen ihn die einen. Gallisches Dorf sagen die anderen.

Michael Rehberg ist seit vielen Jahren Mitglied dieser blau-weißen Familie. Mehr noch. Der 51-jährige ist seit sechs Jahren Vereinspräsident. Früher, in Kindheitstagen, war er aber vor allem eins: riesengroßer Fan. Und noch heute ist er selbst ziemlich beeindruckt davon, wie sehr ihn frühe Kindheitserlebnisse auf dem Platz bei Postels geprägt haben. Als er als sechsjähriger Steppke mit seinen Eltern alle zwei Wochen in Bornreihe stand – Mitte der 1970er-Jahre war das – da saß in der Sprecherkabine bereits ein gewisser Gerd Böttjer am Mikrofon und gab regelmäßig einen kleinen Reim zum Besten, den Rehberg bis heute zu jeder Tageszeit vortragen kann.

„Im Friedenshain in Huberts Klause, da gibt es Schnaps und Bier und Brause. Zu den grünen Tannen kehr‘ ein, ist‘s gemütlich, trink dir ein. Bei Hubert schmeckt es immer fein.“ Die Sätze haben sich eingebrannt ins Langzeitgedächtnis von Michael Rehberg: „Manchmal ist mir das fast etwas peinlich, aber es ist eben so. Das hat aus irgendeinem Grund Eindruck auf mich hinterlassen und meine Kindheit geprägt.“ Und irgendwie auch sein gesamtes Leben, denn längst hat Michael Rehberg seine eigene Geschichte bei den Blau-Weißen geschrieben. Und vor allem das macht diesen Verein ja irgendwie aus: Geschichten zu schreiben, die einfach anders sind.

Wo liegt dieses Bornreihe?

„Traditionen werden nicht erfunden. Sie können nur erschaffen, geprägt und gepflegt werden“, bringt es Dennis Böschen auf den Punkt. Er ist Fußball-Spartenvorstand in Bornreihe und weiß, dass es bei den „Moorteufeln“ seit jeher um das besondere Wir-Gefühl ging und geht. Der kleine Verein im Teufelsmoor, mehr Mitglieder als Dorfbewohner. Über viele Jahre mussten die Bornreiher Fußballer bei Auswärtsspielen in Emden, Wilhelmshaven oder Leer erklären, wo denn genau dieses Bornreihe eigentlich liegt. Eine Straße, fünf Bauernhöfe, ein Fußballverein – so wird es dann gerne mal erzählt. Und dieser Fußballverein bedeutet vielen Menschen hier eben sehr viel, vielleicht sogar alles.

„Als wir 2016 in die Oberliga aufgestiegen sind und diverse Auflagen erfüllen mussten, da standen die Freiwilligen quasi Schlange“, erinnert sich Michael Rehberg. Dieser Enthusiasmus für den Verein, diese Bereitschaft zur aktiven Anteilnahme zeichnet den Klub laut Vereinspräsident aus. „Früher kam ich hier oft auf die Anlage und habe immer gestaunt, dass das hier alles picobello ist. Aber ich habe mich nie gefragt, wer das eigentlich alles macht“, fügt Rehberg hinzu. Heute weiß er es. Es sind die Mitglieder, die teilweise mehr Zeit auf der Vereinsanlage als im eigenen Garten verbringen. So verwundert es nicht, dass auch die Corona-Pause genutzt wurde und wird. „Wir haben die Kabinen renoviert und sind jetzt dabei, den Platz am Vereinsheim mit weiteren Banden und Sitzplätzen aufzuwerten“, sagt Dennis Böschen und fügt hinzu: „Wenn es morgen losgehen dürfte, wären wir sowas von bereit.“

Bereit waren die Vereinsmitglieder auch Mitte der 1950er-Jahre, als die Bornreiher den Platz bei Postels mit Hilfe von Tausenden von Kubikmetern Sand endlich spielfähig machten. Erst ab 1952 hatte es überhaupt eine asphaltierte Straße gegeben, zuvor war das Dorf nur zu Fuß oder mit dem Torfkahn zu erreichen gewesen. Noch heute ist es jener federnde Boden, der bei den Gegnern berüchtigt ist. Selbst als Zuschauer nimmt man die Vibrationen am Spielfeldrand deutlich wahr, wenn die Spieler in vielen Metern Entfernung vorbeisprinten.

Dass der Verein in der modernen, zunehmend kurzweiligeren und flüchtigeren Neuzeit irgendwann seine Seele verliert, darüber macht sich Michael Rehberg keine Sorgen: „Es gibt auch heute noch diese jungen Spieler, die hier herkamen und sich mittlerweile nichts anderes mehr vorstellen können. Und wollen.“ Als bestes Beispiel nennt der Vereinspräsident den aktuellen Trainer der ersten Mannschaft, Nils Gresens. „Kokser kam hier als 18-jähriges Talent aus der Werder-Jugend an und ist mit jetzt 32 immer noch da.“ Am Ende sei es entscheidend, sich auf jene Werte und jenes Lebensgefühl einzulassen, für die dieser Verein steht. Dann könne man sich gar nicht dem Gefühl und dieser Verantwortung entziehen. Eben ein klarer Fall von: einmal Moorteufel, immer Moorteufel.