Die Saison für die Ewigkeit

SV Blau-Weiß Bornreihe

15. Februar 2021
Autor: Tobias Dohr; Foto: Wümme Zeitung

Die große Abenteuerreise des 1. FC Osterholz-Scharmbeck begann im Sommer 1975 – und drohte für Trainer Klaus Pophal und sein Team zunächst zu einem Albtraum zu verkommen. Denn die Mannschaft kam und kam unter ihrem neuen Coach einfach nichts ins Rollen. Nach dem zehnten Spieltag fanden sich die hochgehandelten Weinroten plötzlich mit 9:11 Punkten im Niemandsland der Fußball-Verbandsliga Nord wieder. Erste Kritik wurde laut, die Stimmung schien zu kippen. War das doch alles ein großes Missverständnis mit Pophal?

Vor allem Hans „Hexe“ Wendelken erwies sich in dieser Zeit als wichtiger Faktor, hielt das Team in jener schwierigen Phase zusammen und sorgte dafür, dass die Mannschaft das Vertrauen zum Coach behielt. „Der Trainer wird das schon hinkriegen, hat er den Jungs immer wieder gesagt“, erinnert sich Pophal. Und dem glückte tatsächlich die Wende, noch dazu mit einer sagenumwobenen Taktikänderung.

Heinz Stelljes und Reelf Behrens, zwei überragende Offensivakteure jener Zeit, stellte Pophal fortan als Außenverteidiger auf. „So etwas gab es praktisch gar nicht“, erinnert sich der Coach. Zunächst gab es auch im eigenen Team viele Fragen und durchaus Skepsis, nicht zuletzt von Stelljes und Behrens selbst. Verteidiger? Sie? „Aber die Zwei waren unglaublich laufstark und dann merkten sie, wie viele Räume sie nach vorne kriegten“, berichtet Pophal. Die Gegner wussten schlichtweg nichts mit den bei Ballgewinn wie wild nach vorne stürmenden Stelljes und Behrens anzufangen und bekamen diese nie unter Kontrolle. In der Sturmmitte profitierten vor allem Wolfgang Neika und „Pummel“ Stöhr von diesen Vorstößen. Überregional wurde dieses ungewöhnliche 6-2-2-System als „Pophal-Creation“ gefeiert – der FCO startete fortan eine Siegesserie sondergleichen.

Nach jenem zehnten Spieltag folgten 18 Siege und zwei Remis bei 38:2 Punkten. Auch in der Landesliga-Aufstiegsrunde setzten sich die Weinroten durch, unvergessen das legendäre 1:0 vor 2000 Zuschauern beim 1. FC Wunstorf, der zwei Jahre lang kein einziges Heimspiel mehr verloren hatte. Und dann war da natürlich auch noch das 1:1 gegen die Bundesliga-Mannschaft des SV Werder, eine Partie, die aus zweierlei Gründen historisch war. Denn es war auch das allererste Spiel von Otto Rehhagel als Bremer Coach – und die spätere Werder-Legende ließ mit Dieter Burdenski, Horst-Dieter Höttges, Rudi Assauer, Karlheinz Kamp und Jürgen Röber seine absoluten Topleute spielen. Doch die FCO-Truppe war in der Form ihres Lebens und holte sich im Frühjahr 1976 durch ein spätes Tor von Wolfgang Neika ein verdientes Unentschieden, über das anschließend bundesweit berichtet wurde.

Es war der absolute Höhepunkt jener glorreichen Truppe. In der Landesliga mischten die FCO-Kicker in der folgenden Spielzeit zunächst wieder oben mit, schafften später den Klassenerhalt. Und dennoch sagt Klaus Pophal heute: „Es fehlte irgendwie etwas. Wir hatten etwas Irrsinniges geschafft, und dennoch war der Ansporn ein wenig verloren gegangen.“ Pophal nahm beim FCO seinen Hut und half in der Saison 1977/1978 bei der TuSG Ritterhude aus, wo sein ehemaliger Spieler Peter Kandziora mittlerweile auflief. Die Pophals waren längst von der Hammegemeinde nach Wiste umgezogen, wo das Oberhaupt ein kleines Paradies für seine Familie errichtet hatte. 1500 Quadratmeter Grundstück, ein herrliches Haus mit Schwimmbad, Sauna, Hobbyraum und Außenkamin. Zur Bauzeit tummelten sich auf der Baustelle übrigens derart viele Fußballer, dass man in den Arbeitspausen leicht und locker ein Trainingsspiel hätte veranstalten können.

Im Sommer 1978 folgte dann die gefeierte Rückkehr nach Bornreihe, maßgeblich initiiert von – natürlich – „Hexe“ Wendelken, der später dann schwer erkrankte und viel zu früh verstarb. Nach weiteren vier Jahren bei den „Moorteufeln“ war dann endgültig Schluss. Allerdings nur in Bornreihe und noch nicht mit dem Fußball. Pophal übernahm nach einem Jahr Pause im Sommer 1983 den FC Hambergen. „Wir hatten in Bornreihe ohnehin immer ein super Verhältnis zu den Hambergern, die meist eine Liga unter uns kickten, spielerisch aber trotzdem fast gleichwertig waren“, berichtet Pophal. Diese Perspektive reizte den Coach.

„In Bornreihe hatte ich zumeist echte Draufgänger im Team, Spieler, die noch 20 Minuten nach dem Abpfiff über den Platz gewetzt sind“, erinnert sich Pophal lächelnd. In Hambergen formte der Coach einen Malte Jaskosch zu einem starken Spielmacher, arbeitete mit dem großen Sturmtalent Bernd Lütjen zusammen – den er übrigens in jungen Jahren auch als Lehrer am Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck unterrichtet hatte. Besonders diese nicht seltene „Doppelprägung“ über mehrere Jahrzehnte machte Pophal für viele Fußballer im Landkreis zu einer Art Vaterfigur.

Fußballerisch war er ein großer Verfechter von Fitness und Disziplin. Wenn es mal überhaupt nicht lief, wurde die berüchtigte Medizinball-Staffel ins Trainingsprogramm genommen. Oft sahen die Spieler den Fußball dann erst nach 45 Minuten. Wirklich toll fand das auch in den 70er-Jahren schon kaum ein Kicker, doch es wurde klaglos akzeptiert. Der Trainer wusste schließlich, was das Beste für die Mannschaft war – und der Erfolg auf all seinen Stationen gab ihm recht. „Wir hatten jedenfalls nie Verletzte im Training“, sagt Pophal, der überhaupt nicht begreifen kann, wieso sich heute derart viele Bundesliga-Spieler selbst im Training schon so schlimm verletzen.

1989, nach sechs Jahren beim FC (Pophal: „Das waren wirklich noch mal schöne Jahre in Hambergen“) war dann endgültig Schluss. 1993 ging Pophal in Pension. Berufsleben zu Ende, Trainerzeit zu Ende. Wobei, noch nicht ganz. Einmal sprang Pophal noch ein. Als Hambergen 1997 in der Bezirksliga in tabellarische Schieflage geraten war, übernahm er noch einmal und führte das Team in der folgenden Spielzeit 1997/1998 prompt auf einen sicheren Mittelfeldplatz. Auch die letzte Mission war erfolgreich abgeschlossen – und damit verabschiedete sich Pophal 63-jährig endgültig auch in den fußballerischen Ruhestand.

Anfang 2020 verkaufte er sein Haus in Wiste, seine Frau Ilona starb bereits viele Jahre zuvor. Mittlerweile hat Pophal eine altersgerechte Wohnung in Osterholz-Scharmbeck bezogen. Auf den Fußballplätzen des Landkreises sieht man ihn schon lange nicht mehr. Dafür lässt er sich bis heute auf jedem Ehemaligen-Treffen blicken, egal ob vom FCO, Bornreihe oder Hambergen. Denn in allen drei Vereinen gelten die „Pophal-Jahre“ als die besten der Vereinsgeschichte – an die man sich auch heute noch gerne erinnert. Und überall ist es laut verschiedenster Augenzeugenberichte dasselbe: Sobald der „Trainer“ den Raum betritt, verstummen die Spieler, ganz gleich, welche Position sie im Berufsleben oder gesellschaftlichen Leben mittlerweile bekleiden.

In der Einleitung seines FCO-Jahresbuchs hat Pophal geschrieben: „Jeder, der einmal Sport getrieben hat, weiß, dass Erlebnisse, die mit sportlichem Erfolg zu tun haben, zu den schönsten Erinnerungen gehören.“ Und egal, wen man fragt, es kommt immer die im Grundtenor selbe Antwort: Die besondere Stärke Pophals war seine Menschlichkeit. Er nahm sich für jeden Spieler Zeit, redete viel mit seinen Schützlingen, redete sie stark. Ein Künstler der Motivation sei er gewesen, berichten die früheren Weggefährten immer wieder. Und dennoch scheute er nie die unbequemen Entscheidungen, wenn sie für den Erfolg der Mannschaft nötig waren. Fragt man Klaus Pophal, war das Geheimnis seines Erfolgs eigentlich ganz einfach: „Ich war immer fleißig und habe lediglich versucht, logisch nachzudenken.“ Wohl dem, der mit solch einer Lebenseinstellung einen derart einschlägigen und vor allem nachhaltigen Erfolg hat, wie es Klaus Pophal in den Jahrzehnten seiner Schaffenszeit geglückt ist.