“Didi” macht Schluss

SV Blau-Weiß Bornreihe

8. März 2021
Autor: Dennis Schott; Foto: Wümme Zeitung

Abschied in Zeiten von Corona: Nicht nur Steffen Dietrich fällt es derzeit schwer, einen Schlussstrich zu ziehen

Erst im November ist Steffen Dietrich 29 Jahre alt geworden. Bestes Fußballalter, sagt man geläufig. Jedenfalls kein Alter, um mit dem Fußball aufzuhören, sagt Steffen Dietrich. Und trotzdem hört er auf. Weil es nicht anders geht. Weil die Schmerzen in der linken Hüfte inzwischen einfach zu groß sind. Weil die Ärzte gesagt haben: Tritt kürzer mit dem Sport! Eigentlich hätte der Innenverteidiger des SV Blau-Weiß Bornreihe bereits sein letztes Spiel bestreiten sollen. So war es geplant. Am 6. Dezember, zum Abschluss der Hinrunde, wollte der Kapitän ein letztes Mal für den Landesligisten aufgelaufen sein. „Ein Heimspiel. Das hätte gut gepasst“, erzählt er. Doch dann kam der zweite Lockdown und machte alles zunichte.

Steffen Dietrich steht für so viele, denen Corona einen kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht hat, weil sie den Verein wechseln oder – wie Dietrich – die Fußballschuhe an den Nagel hängen (müssen). Was sie eint: Ihren Abschied nicht ordentlich verkünden zu können. Nämlich persönlich und nicht in einem Vierzeiler über WhatsApp. Das Angebot, über die Zeitung ein paar warme Worte an seine Mannschaft zu richten (siehe nebenstehenden Brief), nimmt er deshalb gerne wahr. Es macht den Abschied zumindest etwas persönlicher.

Der gesellige Aspekt des Fußballs besitzt für Steffen Dietrich nach wie vor einen genauso hohen Stellenwert wie der Fußball selbst. Er ist nicht derjenige, der nach dem Training sofort nach Hause düst oder mit seinem Handy beschäftigt ist. Das ist es ja, was er am SV Bornreihe oder seinem „Heimat- und Herzensverein“ SV Aschwarden so hervorhebt: Dass nach den Trainingseinheiten und den Spielen „immer ein Haufen geblieben ist, mit dem man sich noch kurz zusammengesetzt hat“. So war es auch an jenem Abend Ende Oktober, als Steffen Dietrich den Vorstand, den Trainern und einen Teil der Mannschaft informierte, dass sein Ende der Laufbahn schneller naht, als ihm lieb ist und er nach dem 6. Dezember zwar bis Saisonende bleibe, aber nicht mehr so aktiv wie zuvor mitmachen könne. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich mich extrem quälen muss und dass es nicht mehr weitergehen kann für mich“, erklärt Steffen Dietrich.

Schmerzen nicht mehr zu ignorieren

Vor einem Jahr fing alles an. Da machte sich in der linken Hüfte ein Zwicken bemerkbar, das der Innenverteidiger zunächst noch weitgehend ignorierte. „Schon da haben die Ärzte gesagt, dass ich mit dem Fußball runterfahren soll“, erinnert sich Dietrich. Leichter gesagt, als getan. Aber egal, welchen Arzt er auch aufsuchte, welchen Spezialisten er konsultierte, der Rat blieb derselbe. „Ich habe das zuerst nicht weiter berücksichtigt, weil mir der Fußball insgesamt zu wichtig ist“, sagt er. Wären da nicht die Schmerzen. Die kann der 29-Jährige nicht mehr ignorieren, weil sie allgegenwärtig sind. Und das mit der Folge, dass sich Steffen Dietrich früher als ihm lieb ist mit dem Ende seiner Laufbahn beschäftigen muss. „Mein unbedingtes Ziel ist es, noch einmal auf dem Platz bei Postels aufzulaufen, für diesen tollen Verein ein Spiel zu bestreiten, am liebsten ein Punktspiel. Mein Heimat- und Herzensvereins SV Aschwarden ist mir aber ebenso wichtig, für den ich auch noch einmal gerne aufgelaufen wäre, und vielleicht ja auch irgendwann auflaufen werde, und sei es in der Alten Herren“, erklärt Dietrich weiter.

Ob das alles klappt? Fraglich. „Mein Zustand hat sich eher verschlechtert als verbessert. Ich bleibe die Saison, wenn sie wieder fortgesetzt werden sollte, bis zum Ende bei der Mannschaft. Aber die Aussichten sind nicht so positiv, ich werde nicht mehr so mitmachen können“, erklärt der Innenverteidiger. Das allein ist schon insofern ungewöhnlich, als dass Steffen Dietrich eigentlich immer dabei war und zu den Spielern mit den meisten Einsatzzeiten zählte. Nicht umsonst avancierte Dietrich schnell zum Kapitän.

Er engagiert sich gerne. Seit 2019 ist Steffen Dietrich Vorstandsmitglied beim SV Aschwarden. Offiziell wird er als stellvertretender Schriftführer geführt, faktisch ist der bei der Volksbank beschäftigte Firmenkundenberater Sponsorenbeauftragter. Der 29-Jährige muss über seine noch nicht genau definierte Aufgabe etwas lachen, „aber mir macht das Spaß. Ich habe immer gesagt, dass ich irgendwann etwas zurückgeben möchte“, erzählt er. Das Irgendwann hat für ihn schon begonnen, und zwar bei dem Verein, bei dem er das Fußballspielen einst erlernte: beim SV Aschwarden.

Dietrich, der in der D-Jugend unter anderem von seinem heutigen Bornreiher Mitspieler Torben Poppe trainiert wurde, wechselte in seinem zweiten C-Jugend-Jahr zum VSK Osterholz-Scharmbeck. In der Mannschaft spielte mit Philip Bähr ein ebenfalls späterer Bornreiher Mitspieler. „Das war eine geile Zeit. Ich habe in Achim im Stützpunkt gespielt, war in der Kreisauswahl. Wir waren ein erfolgreicher Jahrgang, der es bis in die Niedersachsenliga geschafft hat“, erinnert sich Steffen Dietrich. Den Sprung in die damals äußerst erfolgreiche 1. Herren des VSK hat er aber nie wirklich geschafft. „Im letzten A-Jugend-Jahr durfte ich eine von drei Einheiten in der 1. Herren bei Günter Hermann mitmachen. Das hat mir damals extrem viel gebracht, und das war auch eine Ehre für mich“, erzählt der 29-Jährige.

Dietrich schaffte es auch einige Male in den Kader, „in der Oberliga hat es aber maximal zu einem Kurzeinsatz gereicht, wenn ich mich recht erinnere“, erzählt er. Vornehmlich spielte er in der U23 auf, wo unter anderem bekannte Namen wie Eugen Zilke, Sergej Baitler, Hendrik Lütjen, Philip Bähr, Torben Poppe oder Jan Wendt (früher Buschkaroff) spielten, die seinerzeit allesamt mit ihrem Coach Matthias Ruländer zum SV Bornreihe wechselten – nur Steffen Dietrich nicht. Der ging zum FC Hagen/Uthlede.

„Ich hatte ein tolles Probetraining, habe gemerkt, wie gut das Umfeld ist, also bin ich dort hingegangen“, so Dietrich, der in zwei Jahren in Hagen Ab- und Aufstieg erlebte, ehe er zurück zum SV Aschwarden ging. Aufgrund seines berufsbegleitenden Studiums mit Präsenzunterricht an den Wochenenden musste er fußballerisch kürzertreten und wechselte ein paar Ligen tiefer in die 1. Kreisklasse. Ein „super tolles Jahr“ sei das gewesen, so Dietrich, auch wenn es „nur“ die 1. Kreisklasse war. „Es sind ganz viele Freunde, Bekannte, aber auch gute Fußballer gekommen, weil wir uns gesagt haben: Wir wollen gemeinsam kicken“, so Dietrich, der damals, in der Saison 2013/2014, als Aschwardener Spielertrainer fungierte. Fast wäre die Mannschaft sogar aufgestiegen. Dass sie es nicht schaffte, macht Steffen Dietrich letztlich an einem Spiel fest. „Ich weiß nicht mehr gegen wen, aber wir haben 2:0 geführt und am Ende noch 2:3 verloren.“

Rückkehr währt nur kurz

Die Rückkehr zum Heimatverein währte allerdings nur eine Saison. Beruf, Studium und Fußball ließen sich für den Abwehrmann wider Erwarten gut vereinbaren, und die Lust auf höherklassigen Fußball wuchs. Die Bornreiher Torben Poppe und Philip Bähr hätten ihr Übriges getan, erzählt Steffen Dietrich, dass er im Sommer 2014 schließlich im „Teufelsmoor“ landete. „So schwer mir das auch fiel, aus Aschwarden wegzugehen: Aber nach Bornreihe zu gehen, war der richtige Schritt“, sagt Dietrich. Er spricht von einer tollen Zeit. Sportlich sowieso mit dem Höhepunkt des Oberliga-Aufstiegs 2016. Aber auch das Umfeld beeindruckte und beeindruckt Steffen Dietrich nach wie vor. „In diesem Verein wird Fußball gelebt“, sagt er. Höherklassig zu spielen, sei das eine. Zu wissen, wo man herkomme, das andere. Und unabhängig vom Erfolg wurde der Zusammenhalt in Bornreihe immer groß geschrieben, betont Steffen Dietrich. „Wir hatten von Anfang an ein tolles Team, und man darf nicht vergessen: Der Kern ist immer zusammengeblieben“, so Dietrich, der sein siebtes Jahr und letztes Jahr bei den „Moorteufeln“ bestreitet. Er macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Ich hatte in allen Vereinen eine tolle Zeit. Auch der VSK und Hagen haben mich geprägt. Aber an Bornreihe und Aschwarden hänge ich schon sehr“, sagt Dietrich. Und er hofft: Einmal noch für den SV Bornreihe und/oder den SV Aschwarden auflaufen, das wär’s.