Als die Derbyverlierer Applaus erhielten

SV Blau-Weiß Bornreihe

4. Mai 2021
Autor: Thorin Mentrup; Foto: Wümme Zeitung

Spiel meines Lebens: Matthias Ruländer und die emotionalen Momente nach dem 0:1 gegen Bornreihe

Matthias Ruländer darf als ehemaliger Deutscher Meister mit Werder Bremen und DFB-Pokalsieger mit Borussia Dortmund durchaus als Siegertyp bezeichnet werden. Als Sportler verliert er ohnehin nicht gern. Derbys schon gar nicht. Niederlagen kann er trotzdem etwas Positives abgewinnen. „Aus ihnen lernt man am meisten“, sagt der 56-Jährige, der in Worpswede eine Galerie betreibt. Das gilt sogar für Derbyniederlagen wie die des von ihm trainierten VSK Osterholz-Scharmbeck gegen den SV Blau-Weiß Bornreihe in der Bezirkspokal-Qualifikation der Saison 2015/16.

Es waren die Szenen nach dem Schlusspfiff, die Ruländer nicht mehr vergisst. „Die Zuschauer haben die Jungs beklatscht. Das waren ganz bewegende Momente“, erinnert er sich. Der Derbyverlierer erhielt im Moment der bitteren Niederlage nicht nur Aufmunterung, sondern Anerkennung für seinen Auftritt. Im Stadion Am Klosterholz waren die Unterlegenen stolz und die Sieger vor allem erleichtert. „Ich habe während des Spiels ein paar Mal rübergeschaut. Man hat gemerkt, dass der Trainer und die Betreuer sich geärgert haben. Für uns war das ein gutes Zeichen“, ging Ruländers Matchplan, die Bornreiher zu ärgern, auf. Lange Zeit sogar perfekt. Aber eben nur für lange Zeit.

Die Idee des VSK sah, kurz zusammengefasst, so aus: volle Defensive. Was blieb ihm auch anderes übrig? Osterholz-Scharmbeck gegen Bornreihe, das war kein Duell auf Augenhöhe mehr. „Bornreihe hatte eine super Truppe. Sie waren der haushohe Favorit“, beschreibt Ruländer die Ausgangslage vor dem Duell mit seinem Ex-Klub, den er von Sommer 2011 bis Dezember 2013 trainiert hatte. Die „Moorteufel“ waren nach dem VSK-Abstieg in die Bezirksliga die Nummer eins im Fußballkreis. Der einzige Landesligist. Trainer Michael Rickers verfügte über einige gestandene Kicker, der VSK dagegen über „eine halbe A-Jugend“, wie Ruländer sagt. Der Verein, der ihn vor seinem Wechsel nach Bornreihe vor die Tür gesetzt hatte, befand sich im Umbruch.

Für Ruländer, dem der damalige Spartenleiter Reinhard Jordan vorgeworfen hatte, Spieler abgeworben zu haben und sie zu den „Moorteufeln“ mitzunehmen, war das eine reizvolle Aufgabe. „Ich habe es immer gemocht, mit jungen Spielern zu arbeiten und sie zu entwickeln“, sagt er.

Und seine Truppe war jung. Blutjung sogar. Erfahrenere Spieler wie Remigius Wild und Matthias Märtens hatten die Kreisstädter verlassen, stattdessen rückten etliche A-Junioren in den Kader auf. Unter Lothar Masuch hatten sie die Landesliga-Meisterschaft gewonnen. Weil sie ohne eine B-Jugend auf Bezirksebene nicht in die Niedersachsenliga aufsteigen durften, wagten viele nun den direkten Sprung in den Seniorenbereich. Ihr erstes Pflichtspiel sollte direkt das Derby werden. Eine Mission Impossible. „Keiner hat erwartet, dass wir gewinnen können“, bekräftigt Ruländer.

Doch zumindest ärgern wollten er und seine Mannen den Favoriten. Gemeinsam mit seinem Trainerkollegen und ehemaligen VSK-Topstürmer Manuel Weinrich heckte Ruländer also einen Plan aus. Fünferkette, vier Mann davor, ein Stürmer. „Wir hätten natürlich mitspielen können“, sagt er, „aber dann hätten wir 15 Stück gekriegt.“ Körperlich sei seine Mannschaft noch nicht so weit gewesen, es mit den Blau-Weißen in einem offenen Schlagabtausch aufzunehmen. Also gaben die Trainer ihr den Ärger-Auftrag: unangenehm sein, gut verschieben, die Räume eng machen. Bornreihe entnerven. Und dann, wenn sich eine Chance ergibt, einen Konter ausspielen – oder aber im Elfmeterschießen weiterkommen.

Zweieinhalb Wochen hatten Ruländer und Weinrich Zeit, ihr Team auf den Pflichtspielstart einzustellen. „Das taktische Verschieben haben die Jungs schnell gelernt. Sie waren gut ausgebildet und hatten eine wahnsinnige Auffassungsgabe“, lobt Ruländer seine Jungspunde. Er impfte ihnen die Überzeugung ein: „Du kannst auch mit sechs Mann gegen zehn das Tor verteidigen, wenn du gut verschiebst.“ Und dann ist das im Elf gegen Elf erst recht machbar. Auch gegen einen besser besetzten Gegner. Diesen eher destruktiven Weg trugen auch die erfahreneren VSK-Kräfte mit. Zum Beispiel Malte Vollstedt, damals wie heute ein Garant im Tor. „Er hat auch im Pokal ein überragendes Spiel gemacht“, sagt Ruländer. Vollstedt war der Turm in der Abwehrschlacht, die von Minute eins an ununterbrochen tobte und in der die Gastgeber viele kleine Siege einfuhren.

Ein 0:0 nach der Anfangsviertelstunde, ein torloses Remis zur Pause und auch nach 75 Minuten. Mit jeder Minute, die verstrich, wuchs das Selbstvertrauen der Gastgeber. „Wenn man merkt, dass man gegen einen Über-Gegner kaum Chancen zulässt, dann macht dich das stark. Dann läufst du noch mehr. Das ist Kopfsache“, sagt Ruländer. Seine Mannschaft stemmte sich erfolgreich gegen die Bornreiher, die den VSK-Strafraum belagerten, aber nicht entscheidend durchkamen, weil sich die Gastgeber in jeden Schuss, in jede Flanke, in jeden Zweikampf warfen. Ein entspannter Bornreiher Aufgalopp in die Pflichtspielsaison? Von wegen!

Doch noch war nicht Schluss. Die Nachspielzeit lief. Längst hatte Bornreihe die Brechstange ausgepackt, um das Elfmeterschießen irgendwie zu verhindern. Und der VSK zog sich noch ein bisschen tiefer zurück, um sich irgendwie dorthin zu retten. Mindestens das hätte seine Elf verdient gehabt, sagt Ruländer.

Doch es kam anders: eine letzte Ecke für Bornreihe, Flanke Jascha Stern, Kopfball Torben Poppe, Tor. Riesenjubel in Blau und Weiß, Riesenenttäuschung in Grün und Weiß. Und Ruländer dachte nur: ausgerechnet Poppe. Der Hüne war ihm einst aus der Kreisstadt zu den „Moorteufeln“ gefolgt. Jetzt köpfte er seinen Ex-Trainer in allerletzter Sekunde aus dem Bezirkspokal.

Natürlich sei er enttäuscht gewesen, sagt der Trainer. Er verliert schließlich nicht gern. Aber da war noch ein weiteres Gefühl: Stolz. Darauf, wie seine Mannschaft Bornreihe in Schach gehalten hatte, wie sie gekämpft und alles gegeben hatte. Das habe auch den Anhängern imponiert. „Wie sie da geklatscht haben, werde ich nie vergessen. Sie haben honoriert, dass die Jungs alles gegeben haben. Sie sind ja auch gelaufen wie die Weltmeister. Wir hatten kaum eine Chance, das wussten wir. Aber wir konnten trotzdem stolz sein“, blickt Ruländer zurück. Er selbst habe sich im Hintergrund gehalten. Diese Momente hätten seinen Spielern gehört. Für ihn sei wichtig gewesen, dass seine Elf eine Erkenntnis gewonnen habe: nämlich die, mit einem starken Gegner mithalten zu können, „weil die Jungs an sich geglaubt haben und an das, was wir trainiert haben. Und weil sie ihre Stärken ins Mannschaftsgefüge eingebracht haben.“

Tatsächlich schienen die Kreisstädter gestärkt aus dem Pokal-Aus hervorzugehen. Sie starteten vielversprechend in die Liga, waren nach dem achten Spieltag Dritter. Sie spielten oft wie gegen Bornreihe – mit dem Hauptaugenmerk auf der Defensive. Aber der Erfolg gab ihnen recht. Doch dann blieben die Ergebnisse aus, im Herbst trennten sich die Wege Ruländers und des VSK bereits wieder. Zum zweiten und zum letzten Mal. Seitdem hat Ruländer keinen Trainerjob mehr angenommen. Und das wird auch so bleiben. Er sei zu alt, zudem stehe Fußball nicht mehr bei allen Kickern an erster Stelle, findet der Ex-Profi. Klingt, als sei es nicht mehr Ruländers Zeit. Eine persönliche Niederlage ist das nicht, sondern eine Erkenntnis, die ihm sogar noch versüßt wird durch besondere Erinnerungen. Sogar an eine Derbyniederlage.