Autor: Jan-Henrik Gantzkow (Osterholzer Kreisblatt); Foto: Tobias Dohr (Osterholzer Kreisblatt)

Die Kanadier Koen Schoffner und Elliott Cuthbert spielen für Bornreihe, träumen aber von einer Profikarriere.

Wer im Zusammenhang mit sportlichen Höchstleistungen an Kanada denkt, dem fallen wohl unweigerlich zuerst die Eishockeystars aus der weltberühmten NHL ein. Dann vielleicht noch einige Ski- und Snowboardtalente oder die mehrfachen Olympiasieger im Curling. Aber als Fußballmacht gilt das Land mit dem Ahornblatt auf der Flagge bei bestem Willen nicht. Dass es aber auch im zweitgrößten Flächenstaat der Erde hochtalentierte Kicker gibt, weiß man nicht nur beim FC Bayern, der kürzlich den kanadischen Ballkünstler Alphonso Davies verpflichtet. Auch beim SV Blau-Weiß Bornreihe stehen mit Miguel Mendoza (19), Koen Schoffner (18) und Elliott Cuthbert (19) aktuell drei blutjunge Nordamerikaner im Kader.

Und vor allem die beiden Letztgenannten haben einen klaren Plan: Sie wollen Profifußballer werden. „Das ist unser Traum, und deswegen sind wir hier. Ich glaube auch, dass es möglich ist, aber natürlich bedarf es viel harter Arbeit“, zeigt sich der Offensivakteur Cuthbert selbstbewusst. Dass die beiden Vollblutfußballer, die in der Vergangenheit unter anderem schon bei Jugendteams von Rot-Weiß Erfurt oder dem 1. FC Nürnberg mittrainierten und dabei durchweg positive Resonanzen erhielten, auf dem Weg zum großen Ziel ausgerechnet im Teufelsmoor landeten, war dabei eher Zufall.

In der Heimat sind beide am Pacific Elite Soccer Institut in Victoria aktiv, einer Art Nachwuchsleistungszentrum, für das nur die besten Fußballer aus dem Westen des Landes ausgewählt werden. Über Miguel Mendoza, der ebenfalls dort spielte und den Sprung nach Deutschland mit Erfolg wagte, entstand der Kontakt zwischen Bornreihes Coach Saša Pinter und Thomas Niendorf, dem deutschen Leiter des Fußballinstituts. Da die Chemie zwischen beiden Fachmännern sofort stimmte, lud Niendorf, der schon für die Jugendabteilung von Bayern München arbeitete, Pinter in dessen Sommerurlaub an die Pazifikküste ein. Und der war beeindruckt: „Das ist eine sehr professionelle und seriöse Einrichtung, die mit den Nachwuchszentren der Profiklubs vergleichbar ist“, sagt Pinter. Nicht weniger beeindruckten ihn Schoffner und Cuthbert, die er vor dem Wechsel auch abseits des Platzes auf Herz und Nieren prüfte.

„Ich habe auch mit den Eltern gesprochen und schnell gemerkt, dass beide aus gutem Hause kommen und nicht Profifußballer werden müssen, um dann das ganze Dorf zu ernähren“ erklärt Pinter, der schon solche Drucksituationen kennengelernt hat. Doch in diesem Fall passte alles. Und im Sommer verstärkten die beiden Kicker die „Moorteufel“. Auch wenn Cuthbert aufgrund einer überzogenen Rotsperre und einer langwierigen Schambeinentzündung kaum spielte und zudem Mittelfeldmann Schoffner aufgrund der extremen Konkurrenz im zentralen Mittelfeld erst auf sechs Einsätze kam, hat sich der gute Eindruck von den Neuzugängen bestätigt.

„Sie sind extrem ehrgeizige, fleißige und zuverlässige Jungs, die immer motiviert und außerdem total integer sind“, lobt der neue Coach seine Schützlinge. Und er ist auch von ihren fußballerischen Fähigkeiten überzeugt: „Natürlich kann man nicht voraussagen, ob ihr Traum vom Profifußball wahr wird, denn dazu muss alles passen. Aber die Qualität, um sich dahin zu entwickeln, ist da“, sieht Pinter Talent. Elliott Cuthbert besticht dabei vor allem durch seine Athletik, extreme Geschwindigkeit und eine gute Physis, während Schoffner durch gutes Zweikampfverhalten, Übersicht, Ausdauer und Passspiel zu einem herausragenden Achter reifen könnte.

Am mangelnden Trainingseifer wird es den beiden Kanadiern, die zusammen in Ritterhude leben, dabei mit Sicherheit nicht fehlen. „Dreimal die Woche trainieren wir mit dem Team, an den anderen Tagen gehen wir ins Fitnessstudio oder üben individuell auf dem Trainingsplatz. Ansonsten gehen wir täglich zur Sprachschule“, beschreibt Schoffner den Alltag. Viel Zeit zum Sightseeing bleibt so zwar nicht, doch das wird ebenso in Kauf genommen wie die Trennung von der Familie. „Das ist schon schwer, aber es muss eben sein. Das verstehen auch alle. Es ist aber gut, dass wir zu zweit sind, und uns wird hier wirklich von allen geholfen“, erzählt Cuthbert und strahlt dabei. Ob bei der Beschaffung eines Autos oder bei ganz alltäglichen Problemchen, die sich in einem fremden Land stellen, auf den Klub und die Mitspieler können sich die Youngster blind verlassen.

„Alle sind sehr offen und interessiert. Wir fühlen uns total willkommen und können von unseren Teamkollegen viel lernen“, bestätigt Schoffner. So gelang es ihnen sehr schnell, sich einzuleben, wobei sie das Leben in Deutschland ohnehin schon durch vorherige Aufenthalte kannten. Speziell Bayern-Fan Schoffner, dessen Großeltern im Süden Deutschlands leben: „Die Kulturen unterscheiden sich gar nicht so sehr, und es gefällt uns wirklich gut. Und wenn wir mal etwas typisch Deutsches essen gehen, dann erinnert mich das an Urlaub bei der Familie. Der größte Unterschied ist wohl, dass unsere Kollegen ein bisschen mehr trinken als wir“, stellt der 18-jährige lachend fest. Denn dass Deutschland nicht gleich Deutschland ist und die Uhren beim Kultclub im Teufelsmoor ein bisschen anders ticken, haben auch sie schnell bemerkt. „Hier herrscht eine unglaubliche Tradition und Passion. Es sind immer unglaublich viele Zuschauer am Platz, und alle sind total fußballbegeistert“, lobt Cuthbert.

Als besonders fußballbegeistert empfinden sie dabei ihren Trainer. „Saša ist genau der richtige Mann für uns und ein großartiger Trainer. Er ist sehr leidenschaftlich und zeigt einem noch weit nach Training Verbesserungsmöglichkeiten auf. Er kümmert sich und hat eine begeisternde Art“, sind sich die beiden guten Freunde einig.

Einigkeit besteht auch über die fußballerische Qualität der „Moorteufel“: „Hier sind super Spieler, und es ist zum aktuellen Zeitpunkt genau das richtige Niveau, um das nächste Level zu erreichen. Wir können hier viel lernen. Auf dem Platz, aber natürlich auch außerhalb. Denn auch für die persönliche Entwicklung sind die Erfahrungen hier total wichtig“, zieht Cuthbert ein erstes Zwischenfazit seiner Zeit in Deutschland.

Nach den Weihnachtsferien, die die zwei sympathischen Globetrotter bei ihren Familien verbringen, wollen sie richtig angreifen und weiter für ihren großen Traum arbeiten. Wenn sie ihr großes Potenzial abrufen und von Verletzungen verschont bleiben, dürfen sich alle Bornreiher Fans auf zwei hochveranlagte Klassespieler freuen.

Und wer weiß, wo die spannende Reise der Ahornblätter noch hinführen kann. Vielleicht ja auch zum SV Werder Bremen, wo US-Boy Josh Sargent aktuell für Furore sorgt. Trainieren konnten sie dank des Netzwerks ihres Bornreiher Coaches vor kurzem immerhin schon mit ihrem nordamerikanischen Idol. Bei dieser einmaligen Gelegenheit soll es aber definitiv nicht bleiben. Möglicherweise sind es dann ja auch die Namen Elliott Cuthbert und Koen Schoffner, die den kanadischen Fußball hier bekannter machen.