Autor: Tobias Dohr (Osterholzer Kreisblatt)

Die Ex-Trainer Andre Lütjen und Bernd Böschen sprechen im Interview über ihre Anfänge beim SV Bornreihe, das Oberliga-Jahr und junge Spieler.

Knapp sechs Wochen ist es her, dass Sie Ihren Rücktritt beim SV Blau-Weiß Bornreihe verkündet haben. Nach was fühlt sich das aus heutiger Sicht an: nach Enttäuschung? Wut? Erleichterung?

Andre Lütjen: Für mich persönlich fühlt sich das erst mal immer noch wie eine Niederlage an. Mittlerweile ist da aber auch ein Gefühl der Erleichterung.

Bernd Böschen: Bei mir ist das ein bisschen anders. Ich habe tatsächlich in erster Linie ein Gefühl der Befreiung. Das Ganze war am Ende doch alles sehr belastend. Klar kommt das Thema immer noch mal hoch, aber es ist schon so, dass die Vorteile der neuen Situation momentan überwiegen. Vermutlich sind das auch verschiedene Phasen, und die Gefühlslage wird sich vielleicht noch mal ändern.

Warum fühlt es sich für Sie wie eine Niederlage an, Herr Lütjen?

Andre Lütjen: Weil wir ja noch bis Ende der Saison einen Vertrag hatten. Und ein klares Ziel, das wir verfolgt haben. Klar hatten wir dem Vorstand Signale gesendet, dass nach der Saison definitiv Schluss sein wird. Aber wenn man Verträge abschließt, dann will man die auch erfüllen.

Wie waren denn die Reaktionen, die Sie nach Ihrem Rücktritt bekommen haben?

Andre Lütjen: Wir haben natürlich mit vielen im Bornreiher Vereinsumfeld Kontakt, und da war schon praktisch durchgehender Tenor: Wir können es nachvollziehen. Ohne dass jetzt darüber gesprochen wurde, ob man es früher hätte machen müssen, oder wir natürlich auch Fehler gemacht haben. Am Anfang stand eigentlich immer die Aussage: Wir können es nachvollziehen.

Bernd Böschen: Man hat ja auch viele Trainerkollegen, mit denen man ein gewisses Netzwerk hat, und da kamen auch Whats-App-Nachrichten, die in diese Richtung gingen. Und es gibt wohl niemand Besseren als einen Trainerkollegen, um sich in solch eine Situation reinzuversetzen. Da kam eigentlich durchweg positive Resonanz.

Wie war das mit der Mannschaft? Gab es dort einen gewissen Trennungsschmerz?

Andre Lütjen: Nein, Trennungsschmerz kann man das nicht nennen. Von beiden Seiten nicht. Dafür wissen wir auch zu gut, wie die Mechanismen sind und wie das Ganze funktioniert.

War dieser Rücktritt auch mit sechs Wochen Abstand alternativlos?

Bernd Böschen: Jein. Es ist ja nun mal so, dass da dieses Oberliga-Jahr war, wo du von Anfang an wusstest, dass du immer Außenseiter bist. Dann kassierst du sehr viele Niederlagen. Da nutzt man sich einfach ein bisschen bei ab. Das dann in der Landesliga wieder auf Null zu stellen, ist einfach schwierig. Wir waren uns bewusst, dass es auch von der Qualität eng wird. Es kamen viele Dinge zusammen, viele Personalien. Wir haben ganz viele Gespräche geführt, und wir wussten, dass es auch im Winter für uns eng wird, da noch groß etwas zu ändern.

Als Sie im Februar 2016 in Bornreihe vorgestellt worden sind, da hatte man das Gefühl, eine enorme Aufbruchstimmung im Klub zu spüren. Hätten Sie diese Erwartungen gerne ab und zu mal runtergeschraubt?

Bernd Böschen: Das war zum Beispiel etwas, was ich von Anfang an ganz anders wahrgenommen habe. Meine direkten Reaktionen gingen eher in die Richtung: Wisst ihr eigentlich, was ihr euch da angetan habt? Es war auch niemals unser Ziel, eine neue Ära in Bornreihe einzuführen. Andre und ich hatten einfach Lust, eine Landesliga-Mannschaft zu trainieren, Bornreihe gehört unser Herz, das war unser Antrieb.

Andre Lütjen: Hinzu kam, dass die Mannschaft in einem Alter war, wo man langsam, aber sicher für den nötigen Unterbau sorgen musste. Das konnte und kann der Verein nicht über die eigene Jugend hinbekommen, also sollten junge Leute von auswärts in den Verein integriert werden, die dann irgendwann die nächste Generation sein können. Darum ging es auch immer in den ersten Gesprächen mit dem Vorstand. Und dann rückte da plötzlich dieses Thema Oberliga-Aufstieg von Woche zu Woche näher.

Wie ging es dann weiter?

Andre Lütjen: Das war dann ein sich verselbstständigender Prozess. Ein Dennis Heineke sagt, dass er geht, ein Christoph Müller sagt, dass er geht. Uns ging da viel Qualität flöten. Und auf der anderen Seite setzte diese Mannschaft völlig überraschend plötzlich zu einer solchen Siegesserie an. So ging das von Woche zu Woche, und irgendwann im April, als alle Zusagen da waren, wussten wir immer noch nicht, wohin die Reise am Ende wirklich geht. Der Verein hatte dann viele Ideen, um sich anders aufzustellen für die Oberliga. Aber am Ende war die Zeit einfach zu kurz.

Bernd Böschen: Man darf das einfach nicht vergessen: Der Verein kam im Winter auf uns zu und sagte: Uns brechen im Sommer vermutlich zwölf Spieler weg, wir brauchen Hilfe. Einige konnten wir dann ja sogar noch überzeugen zu bleiben, aber neun Abgänge waren es ja tatsächlich. Wir mussten sehen, dass wir etwas Neues auf die Beine stellen. Das war eigentlich unser Hauptantrieb.

Wäre Ihre Geschichte in Bornreihe eine andere geworden, wenn Sie das Team in der Landesliga hätten übernehmen können?

Andre Lütjen: Das ist ganz schwierig im Nachhinein zu sagen. Aus unserer Sicht fühlt es sich natürlich so an, ja.

Bernd Böschen: Letztlich ist es ja auch müßig, so zu spekulieren. Und man muss ja auch sagen, dass die Rückrunde in der Oberliga wirklich auch Spaß gemacht hat. So schwer der Anfang war, aber in der Rückserie hatten wir einen ganz vernünftigen Punkteschnitt. Das möchte ich auch irgendwo gar nicht missen. Aber es waren halt komplett andere Vorzeichen als die, zu denen wir eigentlich zugesagt hatten.

Hat der Verein aus Ihrer Sicht genug getan, um das Abenteuer Oberliga nicht bloß als Kanonenfutter anzugehen?

Bernd Böschen: Na ja, wir wissen ja schon sehr genau, was im Verein möglich ist und was nicht.

Andre Lütjen: Da müssen wir am Ende auch auf dem Boden bleiben. Der Verein wollte sich auch nicht verbiegen und alles komplett anders machen. Und das muss man dem Verein auch zugutehalten.

Aber jetzt gerade fühlt sich das ja schon ein wenig nach Verbiegen an. Es werden viele Leute von extern geholt, die sicher nicht ganz günstig sind. Vielleicht hätten Sie diese Möglichkeiten auch gerne gehabt?

Andre Lütjen: Man muss da aber auch fairerweise sagen, dass Sasa Pinter ein ganz anderes Netzwerk hat, gerade nach Bremen.

Bernd Böschen: Ich würde sogar sagen, dass das ein großer Glücksfall für den Verein ist, quasi das Beste, was in der jetzigen Situation passieren konnte. Man muss ja nicht seine Philosophie wegen solcher Transfers verlieren. Aber jetzt geht es erst einmal nur um den kurzfristigen Erfolg – und da muss man eben an der Qualitätsschraube drehen.

Niemand hat Ihnen im Oberliga-Jahr die Schuld am sportlichen Abschneiden gegeben. Würden Sie dennoch sagen, dass eine Saison mit 21 Niederlagen das Verhältnis Trainer/Mannschaft nachhaltig prägt?

Andre Lütjen: Definitiv. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen, auch bei Spielern, die weniger zum Einsatz kommen. Für den Aufwand, der betrieben wird, will man am Ende des Tages auch belohnt werden. Egal ob Trainer, Spieler oder Funktionär. Stellt sich der Erfolg nicht ein, wird gezweifelt, vollkommen okay, auch bei einem Aufsteiger.

Hätte man aus heutiger Sicht sagen sollen: Wir schenken uns Transfers wie Sercan Bayram, Ömer Aktas oder Ferdi Yilmaz und setzen gleich komplett auf junge Leute aus dem Kreis? Dann wären es am Ende der Oberliga-Saison vielleicht nur zwölf statt 19 Punkten gewesen. Aber man hätte im zweiten Jahr eine ganz andere Basis gehabt.

Bernd Böschen: Definitiv. Aber in den Gesprächen guckst du den Jungs ja auch nur vor den Kopf. Und man denkt bei gewissen Leuten ja auch manchmal: Das kriegen wir schon irgendwie hin.

Andre Lütjen: Heeslingens Trainer Hansi Bargfrede hat in einem Gespräch mit uns gesagt, er sehe im ganzen Rotenburger Kreis keinen einzigen jungen Spieler, der das Zeug hat, in seiner Oberliga-Mannschaft Stammspieler zu sein. Und der Landkreis Rotenburg ist einer der größten in Deutschland. Osterholz ist einer der kleinsten.

Stichwort junge Leute. Im vergangenen Sommer wollten Sie einen neuen Bornreiher Weg konsequent beschreiten. Sie haben viele Gespräche mit jungen Spielern geführt. Am Ende kamen einige. Aber nur Dustin Hirsch hat sich durchgesetzt. Warum sind es nicht mehr gewesen?

Bernd Böschen: Das fragen wir uns auch.

Andre Lütjen: Wenn wir die Fehlersuche bei uns betreiben, und das wollen wir ja vornehmlich tun, müssen wir sagen, dass wir die jungen Leute nicht erreichen konnten. Oder irgendwo auf dem gemeinsamen Weg verloren haben. Da hätten wir uns vielleicht noch mehr Zeit für die Jungs nehmen müssen. Das können wir uns vorwerfen. Auf der anderen Seite ist da aber auch das Thema Zuverlässigkeit. Und die Frage der Priorisierung. Ich will da nicht verallgemeinern, aber in der jungen Generation gibt es halt mittlerweile tausend Dinge, die genauso wichtig sind wie Fußball.

Bernd Böschen: Wir sind es halt immer noch gewohnt, dem Fußball alles unterzuordnen. Heute ist Fußball bei den jungen Menschen aber nur noch ein Baustein. Da muss man sich als Trainer wohl mit abfinden, aber ich muss es trotzdem nicht gut finden.

In Hagen und Ritterhude gibt es aktuelle Gegenbeispiele, wo es offenbar funktioniert mit guten jungen Leuten.

Bernd Böschen: Aber auch in Hagen wechseln doch mit Pascal Kranz und Jeremy da Rocha Nunes jetzt zwei junge Spieler trotzdem im Winter den Verein. Obwohl der Klub vielleicht sogar in die Oberliga aufsteigt. Es wundert einen schon, dass diese Spieler nicht versuchen, sich durchzubeißen. Zumindest eine Saison lang.

Vermutlich ist das alles Ausdruck einer sich ändernden Mentalität. Es wird ja auch oft vom Bornreiher Selbstverständnis gesprochen. Ist das überhaupt eine Tugend, die für junge Spieler noch wichtig ist? Kann man so etwas überhaupt noch vermitteln?

Bernd Böschen: Also, ich war ja auch eine gewisse Zeit raus aus dem Bornreiher Kreis durch meine Aufgaben in Dannenberg und Worpswede. Und ich muss ganz ehrlich sagen, genau bei diesem Punkt war ich wohl von allen am naivsten.

Weil Sie auf diesen Faktor gesetzt hatten?

Bernd Böschen: Ja. Es gibt ja schon noch die Spieler, die dieses Bornreiher Gefühl verkörpern. Aber dass man so etwas an die junge Generation einfach weitergeben kann, nein. So etwas kannst du nicht einfach implantieren, das muss überspringen. Es sind ja auch durchaus Spieler da, wo es gepasst hat. Dennis Klindworth, Kevin Sammann, Michel Waldow oder Alexander Huhn, die passen perfekt nach Bornreihe. Und in einer normalen Landesliga-Saison wäre das alles wunderbar gewesen.

Aber wie muss sich ein Verein wie Bornreihe denn dann in Zukunft aufstellen, wenn das ureigene Bornreiher Charakteristikum offenbar nach und nach wegbröckelt und in der neuen Generation kaum noch zählt?

Andre Lütjen: Es ist schwierig, neben den Nachbarvereinen in der Gemeinde aus Hambergen und Wallhöfen den Jugendfußball in Bornreihe zu etablieren. Bornreihe wird auch weiterhin gute Spieler aus dem Bremer Bereich holen müssen und zusätzlich die Talente aus dem Landkreis, Jungs, die eine Identität zur Region haben und zu Bornreihe aufbauen können. In den nächsten Jahren muss und wird sich wieder eine Generation entwickeln.

Und dann muss der Verein auf Glücksgriffe wie bei einem Nils Gresens hoffen.

Bernd Böschen: Genau, der kam von außerhalb und ist dann zu einem Bornreiher geworden.

Andre Lütjen: Aber diese Spieler kriegt man nicht einfach so. Und auch nicht nur deshalb, weil man Bornreihe ist. Es gibt mittlerweile auch andere Vereine, die ziehen. Hambergen baut etwas auf, in Hagen hat sich schon was aufgebaut, Ritterhude ist auf einem richtig guten Weg. Da ist die Konkurrenz einfach größer geworden.

Bernd Böschen: Man braucht ein Gerüst in Bornreihe. Bevor wir kamen, waren das die Rebiens und Ehrichs. Dann kamen wir. Dann hat Matthias Ruländer mit Spielern wie Christian Leopold und Torben Poppe die nächste Generation etabliert. Die kommen jetzt auch langsam in die Jahre. Die Mannschaft braucht also ein neues Gerüst.

Das Interview führte Tobias Dohr.

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